In aller Freundschaft

Der Kreis Heinsberg gehörte zu den ersten in Deutschland, in denen das Coronavirus besonders heftig wütete. Landrat Stephan Pusch bat vor einem Monat um Hilfe bei Chinas Staatspräsident – und verteidigt bis heute sein Vorgehen.Von Severin Weiland26.04.2020, 19:48 Uhr

Landrat Stephan Pusch aus Heinsberg empfängt am 22. März 2020 eine Lieferung der Bundeswehr in seinem Kreis: "Gezwungen, nach jedem möglichen Strohhalm zu greifen"
Landrat Stephan Pusch aus Heinsberg empfängt am 22. März 2020 eine Lieferung der Bundeswehr in seinem Kreis: “Gezwungen, nach jedem möglichen Strohhalm zu greifen”Jonas Güttler/ DPA

Heinsberg ist ein Symbol geworden. Für die Corona-Pandemie in Deutschland, für den Umgang mit ihr, auch für pauschale Ausgrenzung, von denen manche Bewohner im Westen der Republik berichten.

Der Kreis mit seinen rund 254.000 Einwohnern reagierte früher als andere mit Quarantäne-Maßnahmen, mit Schul- und Kitaschließungen, mit dem Verbot von Großveranstaltungen, nachdem sich nach einer Karnevalsfeier im Februar das Virus massiv ausgebreitet hatte.

 Ein Mann steht seitdem im Fokus und hat es sogar bis in ausländische Medien gebracht. Die britische “The Times” etwa lobte jüngst Puschs Weg beispielhaft als “Germany’s Wuhan” – in Anspielung auf die Stadt in China, in der das Virus mutmaßlich weltweit seinen Ausgang nahm und nach anfänglichem Zögern mit harten Maßnahmen bekämpft wird.

 Vor allem aber fiel der CDU-Politiker Pusch vor etwas mehr als einem Monat – am 23. März – durch einen offenen Brief an den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping auf – ein ungewöhnlicher Weg. Darin bat der Jurist, Jahrgang 1968, um Unterstützung für Krankenhäuser in seinem Kreis. Das kommunistische China, seit Wochen um eine Imageverbesserung massiv bemüht, lieferte prompt 15.000 Mund-Nasen-Masken.”Da war ich gezwungen, nach jedem möglichen Strohhalm zu greifen. Politische Überlegungen standen da außen vor.”

CDU-Politiker Stephan Pusch, Landrat von Heinsberg

Seinen Brief an Chinas Staatspräsident verteidigt der Christdemokrat bis heute – trotz mancher kritischen Stimme aus der Öffentlichkeit, er habe damit der Propaganda-Maschinerie Pekings einen Dienst erwiesen, zumal auch Lieferungen der Bundeswehr eintrafen. “Zu der Zeit meines Briefes an die chinesische Regierung bestand die konkrete Gefahr, dass Personal in Krankenhäusern und Pflegeheimen ohne ausreichende Schutzkleidung arbeiten musste”, so Pusch jetzt zum SPIEGEL. Und er führt weiter aus: “Da war ich gezwungen, nach jedem möglichen Strohhalm zu greifen. Politische Überlegungen standen da außen vor.”Die Lage am Morgen – Ihr Morning-Briefing

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Weitere Lieferungen aus China eingetroffen

Der chinesische Botschafter in Deutschland, Wu Ken, versprach nach den ersten Hilfslieferungen weitere Güter. Ein Teil davon erreichte Heinsberg, wie Pusch dem SPIEGEL in einer Mail bestätigte: “Kleinere Lieferungen mit Masken und Schutzanzügen sind bereits eingetroffen, es stehen aber auch noch angekündigte Lieferungen aus.” Mit der chinesischen Botschaft in Berlin hat Pusch nach eigenen Angaben keinen regelmäßigen Austausch. “Allerdings haben Experten aus dem medizinischen Bereich Kontakt zu unserem Gesundheitsamt aufgenommen”, sagt er.

Das Engagement Chinas wurde unlängst in der deutschen Politik scharf kritisiert. In einem internen Vermerk des Bundesverteidigungsministeriums, der dem SPIEGEL vorliegt, wurde Besorgnis über die PR-Strategie Pekings ausgedrückt. Und der Vizevorsitzende der deutsch-chinesischen Parlamentariergruppe, der FDP-Bundestagsabgeordnete Johannes Vogel, erklärte gegenüber dem SPIEGEL, nicht die Hilfslieferungen aus China seien ein Problem, “sondern die Propaganda, die damit einhergeht und die EU als schwach, unsolidarisch und zerstritten zeigen soll”. Vogel wies auch darauf hin, dass im Januar auch im großen Umfang Hilfen von der EU nach China gingen und dass Chinas kommunistische Führung noch zu Jahresbeginn die Uno-Gesundheitsorganisation WHO über den Ausbruch des Virus im Unklaren gelassen habe. Auch seien in Wuhan chinesische Ärzte bedroht worden, “die frühzeitig auf die Gefahren hinwiesen”.Mehr zum Thema

China versuchte Beamte zu kontaktieren

Dass China sich um ein positives Bild bei deutschen Regierungsbeamten aktiv bemüht, wurde jetzt auch durch eine Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Margarete Bause bekannt. Wie die Bundesregierung ihr in einer Antwort mitteilte, seien Kontaktversuche aus China erfolgt “mit dem Zweck, öffentliche positive Äußerungen über dasCoronavirus-Management der Volksrepublik China zu bewirken”. Dafür seien Beamte in Bundesministerien kontaktiert worden, was das Auswärtige Amt nach einem Bericht der “Welt am Sonntag” alarmierte.

Vier Mitarbeiterinnen in einem Altenzentrum in Heinsberg warten auf einen Corona-Test (7. April 2020): Scharfe Maßnahmen frühzeitig ergriffen
Vier Mitarbeiterinnen in einem Altenzentrum in Heinsberg warten auf einen Corona-Test (7. April 2020): Scharfe Maßnahmen frühzeitig ergriffen Jonas Güttler/ picture alliance/dpa

Bause selbst bestätigte den Vorgang auf Twitter. Und zeigte sich mit der Antwort der Bundesregierung auf ihre Anfrage unzufrieden. Sie sei “leisetreterisch gegenüber Peking”. Sie wolle wissen, wie viele Beamte in welchen Ministerien kontaktiert und welche Konsequenzen daraus gezogen worden seien. Und schließlich kritisierte die Grüne, dass erst durch ihre Anfrage die Bundesregierung die Kontaktversuche Pekings eingeräumt habe: Warum, frage sie sich, verwahre sich die Regierung “nicht öffentlich gegen diese Einflussversuche?”.

In Heinsberg geht abseits des Streits um chinesische Einflussnahme der alltägliche Kampf gegen das Virus weiter. Mit dem jüngsten Stand vom 24. April meldete der Kreis, dass es seit dem Ausbruch am 25. Februar 1718 bestätigte Coronafälle im Kreis Heinsberg gebe; 1407 Personen gelten inzwischen als geheilt, 64 Menschen sind verstorben.

Heinsbergs CDU-Landrat Pusch hält, bei aller Kritik von Bundespolitikern an Chinas Agieren, weiter an seinem Plan fest, mit der chinesischen Metropole Wuhan – rund elf Millionen Einwohner – eine Städtepartnerschaft anzubahnen. “Das”, so Pusch, “war auch erst für die Zeit nach der Pandemie angedacht.” 

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